Die Geschichte von Horn-Millinghausen


In Orts- und Flurnamen bezeichnet Horn meistens einen Winkel oder eine Ecke aber auch eine Mittellage. Das alte Horn lag ansteigend zwischen der jetzigen Lange Straße und der Böckumer Straße und weiter auf dem ansteigenden Gelände zwischen Wiggeringhausen und Millinghausen.
Urkundlich wird Horn (Haron, Horren, Hornen, Haren) bereits 823 in den Corveyer Traditionen erwähnt. Das sind Verzeichnisse von Schenkungen und Güterübertragungen an das ehemalige Benediktiner-Kloster Corvey.
Der Hauthof von Horn gehörte zu den Dotationsgütern des Kloster Meschede. Der Hof befand sich dort wo heute die ehemalige Vikarie steht. Die Wirtschaftsgebäude befanden sich auf der Besitzung Becker-Jaks. Der Horner Haupthof war ein Gräftenhof (Gräftenhöfe findet man heute noch zahlreich im angrenzenden Münsterland). Im Laufe des
19. Jahrhunderts wurden die Gräften aber zugeschüttet, die östlichen beim Schulneubau 1957.Die Verwalter des Haupthofes waren die Ritter von Horn, die vielfach den urdeutschen Namen Rudolfus trugen.
Seine geschichtliche Bedeutung erlangte Horn aber auch durch die Pfarrkirche St. Cyriakus. Der weithin sichtbare, romanische Kirchturm mit der "Welschen Haube" bildet das Wahrzeichen des Ortes, das vom ganzen Kirchspiel aus deutlich erkennbar ist.
Der Kirchspielort Horn übernimmt für die neun umliegenden Kirchspieldörfer hinsichtlich der regionalen Infrastruktur eine zentrale Rolle.Mit seiner verhältnismäßig guten Ausstattung privater wie öffentlicher Einrichtungen/Geschäfte, Gaststätten, Grundschule, Kindergarten, Kirche, Pfarrzentrum, Mehrzweckhalle, Friedhof, etc.) erfüllt Horn-Millinghausen die Ansprüche an ein örtliches Dienstleistungs- und Versorgungszentrum.

Der Rittersitz Millinghausen
Die Dorfsiedlung Millinghausen ist jüngeren Datums, während das Gut Millinghausen bereits gegen Mitte des 13. Hahrhunderts erwähnt wird. Ein Henrick von Millinkhusen wird schon 1253 genannt, und dieser Name läßt auf ein Geschlecht gleichen Namens als Inhaber des Gutes schließen. Der Haupthof von Millinghausen war ein Lehen der Edelherren zu Lippe. Mit ihm belehnt wurde 1407 Godart von Wrede. Die von Wrede bewohnten jahrhundertelang den Rittersitz Millinghausen. In der Soester Fehde wurde auf einem Raubzug der Soester Besatzungstruppen Millinghausen zerstört. Das Schloß wurde später wieder aufgebaut. Endgültig verfallen ist das Haus Millinghausen im Jahr 1825.

Das Wappen der Dorfgemeinschaft Horn-Millinghausen
Das Ortswappen mit dem auf rot liegenden goldenen Jagdhorn ist ein sog. "redendes" Wappen, da es den Ortsnamen bildlich darstellt. Am 25. April 1939 wurde das Wappen von den zuständigen Stellen genehmigt.Das Symbol des Jagdhorns wurde - wie Quellen berichten - dem Wappen des ritterlichen Geschlechts "von Horn" (bzw. "von Haron") entnommen, das im 13. Jahrhundert im alten Horn (= Haron) wohnte und sich ebenso nannte. Das ritterliche Embleme führte drei Hörner.

Die Horner Hitte
In heutiger Zeit weiß wohl kaum jemand der jüngeren Generation um die Herkunft oder Bedeutung der Bezeichnung „Horner Hitte“. Dennoch wird das Symbol, die „Horner Hitte“ (gemeint ist die Ziege oder der Ziegenbock) von Generation zu Generation weiter getragen. Das haben wir erst beim Schützenfest 2003 wieder eindeutig erlebt, als „Olle“ (Ferdinand Krauß) mit einer Ziege im Schützenzug marschierte. Auch in früheren Jahren, als ich noch Jungschütze war, marschierte „Vogel’n Pilo“ (Gastwirt Karl Vogel) auch mal mit einer Ziege am Ende des Schützenzuges durch die Horner Straßen. Selbst im Internet wird der Ziegenbock mit dem Wappen von Rot-Weiß Horn dargestellt. Aber welcher heutige Spieler oder Fan kennt denn den wirklichen Hintergrund, warum ein Ziegenbock das Wappen der Rot-Weißen schmückt.
Früher hatte jedes Dorf im Kirchspiel (anderswo sicher auch) einen bedeutenden Beinamen, mal zum Schmunzeln, mal aber auch als Ärgernis hinzunehmen, je nachdem und in welchem Zusammenhang dieser Begriff gebraucht wurde.
So wurden die Schmerlecker: „Schmerlecker Esel“ genannt, die Schallerner: „Schallerner Kumpsköppe“, die Ebbinghauser: „Ebbinghauser Ratten“ ....u.s.w.. Diese Begriffe sind allesamt schon sehr alt und hatten sicherlich einen Bezug zum Dorf mit seinen Eigenschaften und die „Horner Hitte“ ist dadurch entstanden, dass früher fast jede Familie in Horn eine oder mehrere Ziegen im Stall hatte, die auch die Versorgung und den Lebensunterhalt der „Kleinen Leute“ auf dem Lande sicherten und damit Milch, Butter und Käse für die meist kinderreichen Familien lieferten.
Die wenigen Landwirte im Dorf hatten natürlich Kühe, aber die überwiegend kleineren Haushalte der Handwerker- und Arbeiterfamilien konnten sich gerade ein Paar Ziegen halten, mehr gab der eigene Garten an Grünzeug und Rüben für die Fütterung auch nicht her. Selbstverständlich wurden auch die Grabenböschungen an den Ortseingängen oder innerhalb des Dorfes – dort gab es ja früher auch z.T. noch Gräben – in Abschnitte eingeteilt und an die Ziegenhalter vergeben. Diese schnitten hier ihr Gras, trockneten es zu Heu oder hüteten es ab; so wurden gleichzeitig die Gräben in Ordnung gehalten. Auch mit den freien Flächen auf dem Friedhof wurde so verfahren.
Damals hatte Horn auch einen so genannten „Ziegenzuchtverein“ und natürlich auch eine Ziegen-Bockstation oder auch Deckstation genannt. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, hatte die Familie Kerkhoff im Hahnenviertel eine derartige Deckstation und die Ziegenhalter aus Horn ließen hier ihre Muttertiere decken. Es war damals schon sehr wichtig, immer wieder junge Ziegenlämmer heranzuziehen. Mal zur Gewinnung von Milch, Butter und Käse aber auch für die Fleischversorgung der oft ärmlichen Haushalte.
Nach dem letzten Kriege waren in Horn noch eine Reihe Familien mit eigener Ziegenhaltung, aber nach und nach, als die Versorgungslage immer besser wurde, schaffte man die Ziegen ab. Nur der Name „Hitten Horn“ ist bis heute geblieben und wird sicher noch lange erhalten bleiben.

Helmut Schäfer

Zweiter Weltkrieg: Schon wehten die weißen Fahnen....    
Horn vor der Zerstörung bewahrt.

Zum Ende des Krieges bewegten sich die Schrecken des Zweiten Weltkriegs immer näher auf unsere Heimat. Bisher kannte man den Krieg nur durch die Luftangriffe auf Soest, Paderborn und andere Städte in Westfalen.
Durch die Eroberung der Brücke Remagen am 7. März 1945 gelangten zum ersten Mal amerikanische Truppen über den Rhein. Nun wurde das Ruhrgebiet, die Waffenschmiede des Deutschen Reichs in die strategische Zange genommen. Am 1. April 1945 wurde dieser große Kessel bei Lippstadt geschlossen. Von dort aus bewegten sich die alliierten Verbände auch in Richtung Horn-Millinghausen.

Die Einwohner von Horn-Millinghausen bangten am 4. u. 5. April um ihr Leben, um ihre Habe, um ihre Häuser. Aus besonderem Grund war diese Gemeinde den Kommandierenden der amerikanischen Panzertruppen, die in unaufhörlichem Zug in Richtung Lippstadt zogen, aufgefallen: Ein Oberst und sein Fahrer waren zwischen Horn und Böckum von deutschen Truppen gefangengenommen worden, obwohl von allen Häusern die weißen Fahnen wehten als Zeichen dafür, dass keine deutschen Soldaten mehr im Ort waren. Außerdem wurde noch geschossen.Die Amerikaner, aufgebracht über diese Gefangennahme, planten nun Vergeltungsmaßnahmen, die damit begannen, dass sie den Kirchturm von Horn beschossen und stark beschädigten. Wahrscheinlich hielten sie die Männer, die aus den Luken des Kirchturms schauten, für Beobachter. Es waren aber nur neugierige Jungen. Einer von ihnen, berichtete, dass er noch nie im Leben so schnell eine Treppe herabgelaufen sei. Am nächsten Tag sollte Horn-Millinghausen in einen Trümmerhaufen verwandelt werden.


vBürgermeister Wilhelm Becker (Bild links)hatte durch einen deutschen Soldaten von der Absicht der Amerikaner, Horn zu zerstören, gehört. Er lief von Haus zu Haus und riss die weißen Fahnen herunter, die ja hier den Alliierten wegen angeblicher Täuschung falscher Tatsachen ein Dorn im Auge waren. Überall in Horn und Millinghausen verschwanden die weißen Fahnen in Windeseile, obschon die Deutschen tatsächlich inzwischen abgerückt waren. Am Abend des 4. April fasste dann Wilhelm Becker mit Eduard Kerker und Josef Kleegraf den tollkühnen Entschluss, nach Lippstadt in das Hauptquartier des kommandierenden Generals zu gehen, um mit ihm über eine Einigung zu verhandeln. (Die eigentliche Initiative zum Gang zu den Amerikaner ging von E. Kerker aus)


Schon bald in der Nähe von Horn hätte dieser Weg ein bitteres Ende gefunden. Ein amerikanischer Soldat setzte Bürgermeister Becker die Maschinenpistole auf die Brust und lud durch. Zum Glück war ein anderer Soldat in der Nähe, der etwas Deutsch verstand. Ihm war es zu verdanken, dass die Männer mit dem Leben davonkamen. Nach mühseligem, gefährlichem Marsch gelangten die Horner dann in Lippstadt an und fragten sich nach dem Kommandanten durch, der im Severinschen Haus Wohnung genommen hatte. Wie Wilhelm Becker es fertig gebracht hat, sich „Audienz“ bei ihm zu verschaffen, ist noch heute ein Rätsel; aber er schaffte es. Der Offizier war bereits zu Bett gegangen, dennoch hörte er Wilhelm Becker und seine Begleiter an. „Ist gut“, sagte er schließlich. „Sie bleiben hier, fällt in Horn-Millinghausen in dieser Nacht auch nur ein Schuß, werden Sie erschossen.
Die längste Nacht im Leben der drei Männer brach an. Sie saßen auf Stühlen im Flur des Hauses und bangten um ihre Gemeinde, ihre Familien und um ihr Leben. Am anderen Morgen wurden sie entlassen. Als kurz danach ein Horner in amerikanische Gefangenschaft geriet und zu dem Offizier gebracht wurde, sagte der: „Sie haben einen guten Bürgermeister, wenn er nicht diese Nacht an meinem Bett gewesen wäre, stände Horn jetzt nicht mehr.“
Schon kurze Zeit später zogen amerikanische Panzerverbände in Horn ein. Die alten Männer des Dorfes wurden auf dem Marktplatz zusammengetrieben, einige wurden als Gefangene mitgenommen, die andere wurden später entlassen. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen sorgten Horden von plündernden polnischen und sowjetischen Fremdarbeitern aus dem örtlichen Lager für Aufregung. Auch hier schaffte es Bürgermeister Wilhelm Becker einige Male, schlimmeres zu verhindern.

Einen Monat später erfolgte die endgültige deutsche Kapitulation.
Für sein heldenhaftes Handeln wurde Wilhelm Becker 1960 mit dem Ehrenbürgerbrief ausgezeichnet.